Ich habe Angst – Mein Leben mit Dentalphobie – Teil 1

Hallo Freunde!
Ich freue mich dass ihr den Weg zurück auf meinen Blog gefunden habt. Heute möchte ich euch ein Geständnis machen: Ich habe Angst.
Das klingt so simpel, beinhaltet aber einen massiven Einschnitt in mein tägliches Leben. Es handelt sich hierbei nicht um einen Schritt der Courage, den ich zum Beispiel beim Besuch des Fitnessstudios tun musste, sondern um eine Phobie. Viele, die meinem Instagram Account folgen, wissen bereits wovon ich rede. Ich habe eine Dentalphobie – Ich habe Angst vor dem Zahnarzt.

Angst.
Wenn ich das so formuliere klingt das sehr trivial und klein. Etwas, was einem mehr oder minder einfach überkommen kann. Doch diese Angst ist größer. Sie nimmt mir den Atem, lässt mich zittern und weinen. Wie sehr mich das beeinträchtigt hat, konnte ich zum Beispiel an meiner Apple Watch ablesen. Zum Zeitpunkt meines Zahnarzt-Besuches ist mein Puls hoch gegangen und ist auch konstant dort geblieben. Es ist wahnsinnig, wie viel Einfluss meine schiere Panik doch auf mich hat.

Stephie Angst Teil 1

Dabei ist, sich zu fürchten an sich gar keine schlechte Erfindung. Man könnte jetzt nämlich meinen, dass das doch ziemlich Käse ist, wenn es einen so hindert. Ich meine — Es graust einen ja auch vor Spinnen, dem Fliegen, vor Käfern oder ähnlichem. Doch hätten wir grundsätzlich keine Angst, hätten wir in der Evolution wahrscheinlich schlechte Karten gehabt. Ich bin da doch ziemlich froh, dass sich meine Vorfahren damals vor Raubkatzen, steilen Klippen und Bränden fürchteten. Denn das alles bedeutet Gefahr. Furcht ist die Emotion, die den Körper darauf vorbereitet, zu flüchten. Der Atem geht flacher, Blut wird schneller durch den Körper transportiert, was das Hirn schneller mit Sauerstoff versorgt und zack hat man einen Menschen, der so schnell wie möglich reagieren und sich in Sicherheit bringen kann.

Für diese Funktion bin ich sehr dankbar. Allerdings sitze ich nun hier und denke über die Einschränkungen nach, die ich dadurch habe. Durch die krankhafte Angst vor dem Zahnarzt – der Dentalphobie – mindere ich meine Gesundheit und meine Lebensqualität. Um euch genau das nah zu bringen, muss ich etwas ausholen und euch meine Geschichte erzählen. Wie genau kam ich dazu?

Wie die Angst in mein Leben trat.

Genau weiß ich nicht, wo meine Phobie ihren Anfang gefunden hat. Ich weiß, dass sich mein Vater damals unheimlich fürchtete zum Zahnarzt zu gehen, da seine Zähne in den Kiefer hinein gewachsen sind und beinah alle gezogen werden mussten. Daraufhin musste er auch ziemlich früh Zahnersatz bekommen. Dentalhygiene lernte meine Mutter nicht von ihrer Familie, sondern bekam ihre erste Zahnbürste im Kindergarten. – Ihr könnt euch daher vorstellen, wie die Zähne meiner Oma aussahen. Wie man sich richtig um seine Zähne kümmert, wurde erst nach und nach etabliert und ich … naja ich empfand es als eher lästig. Ich mochte es, den leckeren Geschmack der Speisen abends im Bett noch im Mund zu schmecken (an dieser Stelle gibt es wahrscheinlich einen Zusammenhang mit meinem Übergewicht im späten Teenager Alter) und putzte deswegen eher nur sporadisch meine Beißer.

Das führte dazu dass ich, immer wenn der Zahnarzt beschloss meine Putzqualität zu testen (erinnert ihr euch an diese witzigen Farben, die einem als Kind beim Zahnarzt aufgetragen wurden?) mit wehenden Fahnen durchfiel. Ich kam mit einer Schelte und grell rot gefärbten Zähnen nach hause und war genervt. Es dauerte entsprechend nicht lang, bis ich Karies hatte und der Zahnarzt bohren wollte.

Bohren. Allein das Wort bereitet mir Bauchschmerzen. Dabei schreibe ich es hier nur und muss nicht das furchtbare Geräusch hören, das einem beim Zahnarzt erwartet.
Damals saß ich mit Herzklopfen in einem der immer-grauen Stühle, gegenüber eines Kunstdruckes mit strahlend rotem Papagei darauf und weinte mir die Äuglein aus. Die Vorstellung, dass der Zahnarzt bohren wollte, mochte ich gar nicht. Um mich zu beruhigen, wollte mir der Zahni dann zeigen wie sanft und fragil die Bohrköpfe waren und hat eine kleine schwarze Scheibe aus einer Schublade geholt. Er hielt sie mir hin und sie ist vor meinen Augen zerbrochen. Dass mich das nicht beruhigte und ich gar den Zusammenhang zwischen meinem Loch und dieser grauen Scheibe nicht verstand, schien ihn zu erzürnen. Er verlor die Geduld, fuhr mich an, dass er keine Zeit dafür haben würde und schickte mich samt Loch nach Hause.

An weitere Besuche bei ihm erinnere ich mich nicht. Es muss aber welche gegeben haben, da ich mich dran erinnere, dass mir später eine Zahnspange verpasst wurde, und meine Kieferorthopädin immer mit ihm in Rücksprache stand. Gemeinsam wurde auch beschlossen, dass für meine Spange meine Weisheitszähne gezogen werden müssten. Alle 4 auf einmal. Damals sollte das in Vollnarkose passieren, da die Zähne ausgegraben werden mussten. Ich bin dafür damals in eine Praxis für Mund-Kiefer-Chirugie gefahren und habe auch vor der Vollnarkose furchtbar Angst gehabt. Mit dem Resultat, dass ich komplett vergessen hatte mir die Zähne zu putzen – was mir anschließend erst wieder einfiel – und mir im Stehen der Zugang in die Vene gelegt wurde, damit ich mich nicht direkt so „ausgeliefert“ fühlte.

Nachdem man mir die feste Zahnspange entfernte, war ich endlich frei von irgendwelchen Zahnarzt oder Kieferorthopädie Terminen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum meine Angst wachsen konnte. Mir fehlten die Regelmäßigkeit der Zahnarztbesuche. Ich scherte mich einfach nicht mehr um meine Zähne. Zwar lernte ich was es heißt, sich um seine Zähne zu kümmern, allerdings ist das recht wenig wert, wenn es keinen Zahnarzt gibt, der Karies im frühen Stadium entfernt. Schließlich vergingen einige Jahre, in denen ich die kleineren Zahnschmerzen hier und dort ignorierte. Bis ich es, irgendwann in 2011 nicht mehr konnte.

Es gibt Hoffnung

Gegen Abend fuhr ich, zusammen mit meiner Mutter, zum Zahnarzt. Der einzige Zahnarzt in der Nähe der mich super spontan zwischendurch sehen wollte. Dort saß ich wieder, in diesen typisch grauen Stühlen, und machte klar, dass ich meinen Mund nur öffnen würde, wenn sie einfach nur mit einem Spiegel schauen würden. Denn vor allem, was kratzen oder drücken konnte, hatte ich Angst und wollte ich nicht in meinem Mund haben. Da ich mich so sehr fürchtete beschloss man, mich zu einem Zahnarzt zu überweisen, der sich auf Angstpatienten spezialisiert hatte und entließ mich aus der Praxis. Später erfuhr ich von meiner Mutter, dass mich die Zahnarzthelferinnen, wohl angesichts meiner Panik, sehr abfällig angesehen hatten.

Der Zahnarzt zu dem ich überwiesen wurde, war Herr Spellmeyer in Unna. Diesen Namen schreibe ich bewusst klar in diesen Beitrag, weil ich ihm zu großem Dank verpflichtet bin. Wenn ihr im östlichen Ruhrgebiet einen Zahnarzt sucht, der auf Angstpatienten Rücksicht nimmt; schaut mal bei ihm vorbei. Er praktiziert in zwei Gemeinschaftspraxen und die Termine muss man mittlerweile weit im voraus machen, aber es lohnt sich. Er war es, der mich damals mit Verständnis empfangen hat. Als erstes röntgte er meinen Kiefer, sah sich alles sehr sanft mit einem Spiegel an und gemeinsam beschlossen wir dann, alles auf einmal in einer Vollnarkose zu erledigen.

Die Vollnarkose ging problemlos von statten und half mir endlich die Schmerzen abzulegen. Ich weiß noch ganz genau, wie ich damals wackelig im Aufwachraum aufstand, auf die Toilette ging und mich im Spiegel ansah. Ich lächelte und konnte es nicht fassen: Schöne Zähne! Selbst den Zahn, den ich mir damals beim Spielen mit meinem Cousin abgebrochen habe, hat er geglättet. Es war nun kein Bruch mehr, sondern eine klare Kante. Ich konnte endlich wieder lachen! Und was habe ich gelacht! Selbst die Besuche nach der Vollnarkose in der Praxis meisterte ich, beruhigt von dem Gedanken, dass meine Zähne heile waren. Dort wurde nur noch eine begonnene Wurzelbehandlung beendet und meine Angst war beinah komplett weg. Beinah. Denn sobald ich keine Verpflichtung mehr hatte zum Zahnarzt zu gehen, wiederholte ich meinen Fehler: Ich ging nicht mehr hin.

Mehr in Teil 2

Mein Fehler sollte Folgen haben. Doch von diesen Folgen erzähle ich euch in einem zweiten Teil zu meinem Leben mit Dentalphobie. Dieser Blogpost ist nämlich jetzt schon furchtbar lang.
Ich hoffe, meine Vorgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt gibt euch schon mal einen kleinen Einblick in meine Geschichte, bis ich im zweiten Teil näher auf die Gegebenheiten in der Gegenwart, und das was jetzt aktuell passiert, eingehe.

Alles Liebe,
Stephie

One Reply to “Ich habe Angst – Mein Leben mit Dentalphobie – Teil 1”

  1. […] Den ersten Teil zu diesem Blogpost findet ihr auch auf dem Blog. In ihm geht es um meine Vergangenheit mit der Angst, woher sie kam und was bisher passiert ist. In diesem Blogpost wiederum erzähle ich euch, was nach meiner Behandlung in Vollnarkose und der Wurzelbehandlung passiert ist. Alles bis hin zur Gegenwart. Also los geht’s: […]

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